11.06.2024: The Rolling Stones, Kaleo @ Lincoln Financial Field, Philadelphia PA
10:00 Uhr:
Die U-Bahn Station an der Lombard St Ecke South St verheißt nichts Gutes: die Gegend hier zählt noch nicht einmal zu den wirklich miesen in Philly, je näher wir der Sub kommen, um so mulmiger wird uns, komische Gestalten an merkwürdigen Plätzen, bei Nacht willst du die nicht treffen. Der erste Blues Tages hat uns schon mal im Würgegriff, dreizehn Stunden vor „You Gotta Move“. Egal, wir gehen auf Nummer sicher und organisieren erstmal zwei Tickets.
13:00 Uhr:
Ich versuche erstmal dem Hangover vom Vorabend zu entkommen, Florian schreibt.
16:00 Uhr:
Tumblin‘ Dice – die Würfel sind gefallen, wir fahren doch mit unserer Karre ins Stadion, letzte U-Bahn um Mitternacht, dann eine halbe Stunde Fußweg, keine Böcke dem Midnight Rambler zu begegnen.
Wir riskieren den Parkplatz an unserem Airbnb, was sich später als unbegründet erweisen wird. Ein Parkplatz in Philly ist wie das Treffen einer Goldader nur seltener, der wird dann auch schon mal mit dem Revolver verteidigt. Bei uns reichen dafür die Kutten und eine Wasserpistole, sind ja friedliche Typen.
16:30 Uhr:
Ankunft am Lincoln Financial Field, bisher läuft alles wie am berühmten Schnürchen, super Parkplatz, Doors at 6:00 p.m.
Die Party startet in den USA grundsätzlich viele Stunden vor der Show, mit Kühltaschen voller Bier, BBQ, Campingstühlen und den Glimmer Twins aus den Boxen. Alles relaxt, alle entspannt in einem Meer aus T-Shirts mit dem berühmtesten Bandbranding aller Zeiten.
17:00 Uhr:
Das Verwirrspiel um den Eingang bekommen wir nach kurzer Rückfrage geklärt, wir stehen trotzdem in der falschen Line. Derweil bildet sich am Monster-Merch-Truck eine ziemliche Schlange, die von Wellenbrechern gebändigt wird. Ist aber alles schön friedlich.
Unsere Kutten sorgen mal wieder für mittleres Aufsehen, so sind wir im Gespräch – You Guys Are Badass…lauer Sommerabend, prima.

18:00 Uhr:
The Doors Are Open, nach einem kurzen Verwirrspiel sind wir tatsächlich in der Arena, Buchung und Barcode haben funktioniert, die Amis sind da weiter.
Es reicht nur für ein Bier, da erstens sind wir mit dem Auto da und zweitens bis zu stolzen 21$ aufgerufen werden.

T-Shirt erstanden, ein paar Fotos geschossen und unseren durchaus passablen Stehplatz bezogen, den wir für die nächsten fünfeinhalb Stunden nicht mehr verlassen werden.
20:00 Uhr:
Kaleo haben wir schon 2017 in Hamburg als Vorband von Mick & Keef erleben dürfen, den zweiten Adelsschlag nutzen sie besser, schöner Sound, nur die besten Zutaten aus Bluesrock, Americana und ein wenig Alternative-Rock. Passt prima um in den Abend einzugrooven.
Die PA war auch schon mal auf Betriebstemperatur, bei Shows dieser Größenordnung nicht immer üblich. Gelungener Auftakt, lediglich eine leicht funkinfizierte Nummer will nicht so recht zünden. Mit den Isländern kann man sich durchaus mal beschäftigen.



21:30 Uhr:
Die fünfundvierzigminütige Umbaupause wird zäh und zäher, doch dann tauchen die drei Hauptprotagonisten, zuerst schemenhaft hinter der Leinwand, kurz darauf in vollem Glanz, bäääng, auf der Bühne auf: Start me up! Endlich!

Eine Symbiose aus Glückseligkeit und Gras breitet sich wohlig aus, man fühlt sich einfach angekommen, quasi zuhause, wir sind Teil der Party. Der zu vermutende Voyeurismus „wann denn nun endlich der erste auf der Bühne umkippt“ stellt sich nicht ein, soviel ist schon nach drei Takten klar. Da lunzt eher der Generalriffmeister prüfend durchs Schlüsselloch, wie lange die Kondition der Leute in der Arena ausreicht. Um es vorwegzunehmen: für volle zwei Stunden Show, auf beiden Seiten. Überhaupt Keef: er kommt ganz offensichtlich ohne Gitarren-Overdubs aus, macht dass, was er am besten kann, Herz der Band und Chef im Maschinenraum, immer grinsend und immer froh, noch dabei zu sein.

Ronnie „Tintoretto“ (Mick’s kleiner Seitenhieb auf die nicht immer geschmackssicheren Shirts des „neuen“ Bandmitgliedes) gibt mehr Anlass zur Sorge. Das breite Grinsen ist seltener geworden, die „Gitarrenposen“ mit Keef sind überschaubar, beim Exile-Klassiker „Tumblin‘ Dice“ greift er zweimal daneben, störend ist das nicht, hier geht Leben über Note.

Ach ja, da wäre der immer noch spindeldürre Typ mit Lippen wie Autoreifen, der Elvis und James Brown so gekonnt beklaut hat, bis jeglicher Move zur eigenen Trademark wurde. Über Gesang lässt sich bekanntlich streiten, über Mick Jagger’s Stimme nicht, genauso wenig wie über die einzigartige „chemische Reaktion“ der drei Hauptprotagonisten auf der Bühne. So etwas wird es nie wieder geben, völlig ohne Pathos.

Dass die Setlist nicht die ganz großen Überraschungen parat hält (den, z.B., letzten im Probenkeller versumpften geheimen Bluestrack) leuchtet ein. Die Arenen werden auch voll wegen der Erwartung mehrerer anwesender Generationen, zur lebenden Jukebox werden die Stones dabei nie.
Der Beweis wurde heute, wieder einmal, maximal abgeliefert: drei Nummern vom neuen Album (wobei mir „Mess it up“ nicht so richtig ins Ohr rutschte), dreimal Keef an den Vocals („Tell me Straight“ mit Gänsehautfeeling)…

… „She’s a Rainbow“ (Song by request), die Höhepunkte kommen aber allesamt aus der Abteilung Klassiker:
Bei „You can’t always get what you want“ lässt Keef kurz mal (und so nebenbei) Leadgitarren-Kenntnisse „aufblitzen“ (er grinst beim angedeuteten Solo, wir grinsen mit, möglicherweise waren wir gemeinsam davon überrascht), „Sympathy…“ glänzt durch eine optisch außergewöhnliche Performance, „Midnight Rambler“ von „Let it bleed“ gerät zu einem wilden Blues-Rock-Harmonica-Trip, in dem sehr smart auch noch Mississippi-Fred-McDowells-Klassiker „You gotta move“ reingeschmuggelt wurde, leider der einzige Song des ikonischen Sticky-Fingers-Album.

Alle, wirklich alle, im Lincoln Financial Field sind auf Betriebstemperatur, mit „Gimme Shelter“ wird der unstrittige Siedepunkt erreicht, ein Duett eines fast 81jährigen mit der um ein ganzes Leben jüngeren Chanel Haynes (*1978), mit unschlagbarer emotionaler Wucht (schon im Original), tänzerisch aufregend, voller unzweideutiger Erotik, die die Antarktis schmelzen lassen würde. Vermuten wir mal, dass Melanie Hamrick backstage ist, andernfalls, puuuh, lassen wir das besser…
„Gimme Shelter“ war die Einmündung auf die Zielgerade, die Klassiker „Paint it Black“ und „JJF“ halten das Rund am Brodeln, das unverzichtbare und eben auch erwartbare „Satisfaction“ knipst die Arena-Licher wieder an.

Nein, das waren keine Blicke und keine Show aus dem Jenseits, die Stones können „ewig“ weiterrocken, bis die letzte Instanz sagt, „es sei Zeit die Gitarren und das Mikro wegzulegen….“ danach sieht es aktuell nicht aus.
In der zweiten Hälfte der 80er (zum miesen „Dirty-Work-Album“) hat Mick mal schwadroniert: „Die Stones? Sind wie Mühlsteine an meinem Hals!“
Nun sind daraus wieder Rohdiamanten geworden, wie zu Beginn!
Ein Glück!
Die Band:
- Darryl Jones (bass)
- Steve Jordan (dr)
- Tim Ries (sax)
- Karl Denson (sax)
- Chuck Leavell (keyb)
- Matt Clifford (keyb)
- Bernard Fowler (b-voc)
- Chanel Haynes (voc, b-voc)
Eine Anmerkung zur Band sei dem Autor gestattet:
Bei der Besetzung handelt es sich um langjährige musikalische und auch private Beziehungen/Freunde (und nicht um einen “Nazi-Staat“, wie die von der Band frustrierte Bianca Jagger mal steil ging), Bernard Fowler, z.B., ist ein „Uralt-Kumpel“ von Ronnie, Steve Jordan trommelt bei den Vinos und kam, quasi als letzte Empfehlung von Charlie, in die Band (und haut etwas derber auf die Felle, was aber nicht als störend empfunden werden muss), Chuck Leavell ist gefühlt schon immer dabei (seit 1982) und der Musical Director, Leavell zeichnet verantwortlich für die Setlisten (!).
Setlist:
- Start me up
- It’s only Rock’n’Roll (but I like it)
- Let’s spend the night together
- Angry
- She’s a Rainbow (Fan-voted Song)
- Monkey Man
- Tumbling Dice
- Mess it up
- You can’t Always get what you want
- Band Intro
- Tell me straight (Keith on vocals)
- Little T&A (Keith on vocals)
- Happy (Keith on vocals)
- Sympathy for the devil
- Honky Tonk Women
- Midnight Rambler / You Gotta Move
- Gimme Shelter
- Paint it Black
- Jumpin‘ Jack Flash
- (I can’t get no) satisfaction
23:30 Uhr:
Wir wechseln zwischen den möglichen Ausgängen hin und her und wieder hin, ein wenig deutsch sind wir auch (heute Abend).
00:15 Uhr:
Zwischen den Händlern (mit gefälschten T-Shirts) durchschlängelnd, im Slalom-Stil, erreichen wir den Parkplatz, starten die Mietkarre und sind um…
01:00 Uhr:
zurück in Philly. Der Parkplatz ist frei.
Was für ein Tag!

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... und "All Things Rolling Stones"...

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