Baden in Blut Metal Open Air 2023 – Tag 2
Weil am Rhein – 22.07.2023
Tag 2 von unserem kleinen Lieblingsfestival bricht an. Heute ist offiziell ausverkauft, das freut natürlich sehr. Das wie immer sehr leckere Frühstück in unserem Stammhotel wird heute begleitet von einem Geburtstagsständchen und einem Glas Sekt für Timo – anschließend folgt der obligatorische Gang zum Nahkauf für ein, zwei „Diplom-Pils“… aber viel Zeit für einen kleinen Frühschoppen bleibt heute nicht, denn um 11:45 Uhr geht es schon wieder los mit harten Klängen. Das ist aber nicht zu schaffen, MAYFLOWER müssen ohne uns auskommen. Sie werden es verschmerzt haben.
12:35 Uhr ist auch verdammt früh auf so einem Festival… aber GODSLAVE sind Pflicht. Von den Saarbrücker Thrashern habe ich alle Platten im Regal, teilweise in witzigen Limited Editions, z.B. mit einer für jeden Käufer eigens eingesprochenen Widmung auf einer 3″-CD („Hallo Florian!…“). Tommy, der Frontmann, ist bei musik-sammler.de aktiv, da sind die Wege kurz. Also die Jungs mal auschecken – und der Fünfer liefert eine Lehrstunde in Sachen: „wie heize ich als Opener mal so richtig ein“. Gleich zu Beginn werden Tonnen von grünen Luftschlangen in die Menge gefeuert, auf der Bühne ist ständig Action, Tommys Mitsingspiele kommen prächtig an (irgendwie hat heute früh anscheinend jeder Bock auf eine coole Thrash Metal-Fete), die Musik geht eingängig gut nach vorne, die ganze Band ist total sympathisch, es folgen weitere Tonnen grüner Luftschlangen… und als ob das noch nicht ausreichen würde, kommen alle (außer dem Drummer natürlich) zum letzten Song ins Publikum und spielen den Abschluss im Circle Pit. Völlig irre – und zugleich ein kompletter Triumphzug, der Gig. Ich glaube nicht, dass allzuviele hier mit Godslave voher vertraut waren – aber das alte Klischee: die haben sich einen Haufen neue Fans erspielt heute. Geil!




Anschließend haben es die Franzos*innen von AEPHANEMER natürlich etwas schwer, das Stimmungslevel zu halten; aber sie sind eine coole Verpflichtung (habe ich noch nie gesehen) und ihr Melodic Death Metal im Fahrwasser von Children of Bodom mit vielen symphonischen Einflüssen kommt natürlich auch in Weil am Rhein bestens an. Timo ist das ganze zu technisch / verspielt / eben symphonisch (das könnte durchaus ins Anstrengende führen), aber die Klippe kriegen sie in meinen Ohren umschifft: zwar kommen die Keyboards von Band, aber trotz aller technischen Kabinettstückchen (und davon gibt’s reichlich), bleiben die Songs nachvollziehbar, gehen ins Ohr und zusammen mit dem sympatischen Auftreten von Frontfrau Marion Bascoul macht mir der Gig Spaß. Im Anschluss vervollständige ich noch die CD-Sammlung am Merch – kleine, talentierte Bands muss man unterstützen.


OK, und dann ist mit Melodien erstmal Schluss. Cthulhu erhebt sein hässliches Haupt und die Great Old Ones treten an, um die Hölle über Weil an Rhein losbrechen zu lassen. SULPHUR AEON hätten letztes Jahr schon spielen sollen und holen den Gig nun nach. Ihr tiefschwarzer Death Metal bewegt sich auf einem schwindelerregend hohen Niveau, technisch wie songwriterisch. Beschwörende Passagen werden von Highspeed-Parts abgelöst, großartige Gitarrenleads blitzen immer wieder durch den dunklen, dichten und sehr atmosphärischen Sound hervor… und die überragenden Vocals von M. pendeln zwischen Growls, Geschrei und partiellem Klargesang, unterstützt von großen Posen. Im Club kommt das ganze vielleicht noch einen Tick intensiver… aber auch hier ist das große Death Metal-Kunst.



Auch die folgenden DEMONICAL holen dieses Jahr ihren Gig des Vorjahres nach – auch hier: Platten gut, schwedischer HM2-Death Metal geht eigentlich sowieso immer. Aber irgendwie ist der Sänger (ist wohl ein neuer seit diesem Jahr) ziemlich unsympatisch und wir beschließen, lieber etwas essen zu gehen und uns das von draußen anzuhören. Klang vom Biergarten aus ganz gut, aber wenn HM2, dann greife ich doch eher zu (natürlich) Dismember, Fleshcrawl oder, wenn mal was Neues her soll, zu Lik z.B. Die sind auch alle nett. 🙂
Als nächstes, mal schauen… oh, Death Metal! Ziemlich hart dieses Jahr, das Lineup – aber die Bands klingen dann doch alle ziemlich unterschiedlich. Nach finsteren Lovecraft-Worshipping und schwedischem Retro-Sound stehen nun die schwer unterhaltsamen Dänen ILLDISPOSED bereit. Die groovten schon letzten Herbst die Live Music Hall in Weiher in Schutt und Asche und auch heute sind sie wieder in Topform… auch Fronter Bo Summers, der nicht nur grandios growlt, sondern wie immer der völlig verstrahlte Fixpunkt ist, der zwischen den Songs mit lustigen, kaputten Ansagen auf dänisch-deutsch unterhält. Auf die Jungs ist immer Verlass! Die Setlist heute gefällt mir auch besser als in Weiher, als „Submit“ komplett (aber von hinten nach vorne) gespielt wurde. Heute gibt’s einen bunten Querschnitt durch die Diskographie.


Endspurt – wir sind bereits bei den letzten drei Bands angelegt. Als drittletztes steht die diesjährige „andere“ Band auf dem Plan, die im Vergleich zum restlichen Lineup etwas aus dem Rahmen fällt: SOEN, die schwedisch-internationalen Progger. Sie so hoch im Lineup zu platzieren, hätte ich nicht erwartet und das ist durchaus eine mutige Entscheidung. Aber 65 Minuten später ist auch klar: eine völlig richtige. „I did not expect this!“ gibt Fronter Joel Ekelöf abschließend zu, aber seine Band wurde auch zurecht abgefeiert: Soen präsentieren 65 Minuten Land hochklassig-musikalischen Progrock mit tollen Melodien und Hooks und ich könnte jetzt ewig erzählen vom Sänger, der jede Note traumwandlerisch sicher trifft, vom Gitarristen Marcus, der spielerisch zwischen Gitarre und Keyboard wechselt, von Basser Oleksii, der in die Songs versunken jede Note zelebriert – aber das wichtigste: die Musik berührt und das nicht nur mich, sondern große Teile des Publikums, den Reaktionen nach. Unerwartet, Joel? Glaube ich – aber völlig verdient. Beste Band des Wochenendes!


Anschließend stolpern wir auf dem Gang zur Getränkerückgabe ungeplant über die Dark Tranquillity-Signing Session, sagen kurz Hallo und machen ein Foto mit den netten Jungs…

… um anschließend gemeinsam mit dem Co-Headliner dem Gehörten zu huldigen. Die Schweden DARK FUNERAL sind ein gerne gesehener Gast auf Festivals, liefern immer und so auch heute – auch ihr meist Im Überschalltempo, aber stets melodischer Black Metal kommt zurecht sehr gut an. Es fehlt natürlich die Feuershow wie letztes Jahr auf dem Party.San, das Tageslicht anfangs ist bei BM immer etwas störend und die ganz großen Überraschungen sind auch nicht zu erwarten… aber wenn man sich aus der Nähe mal auf die Musiker konzentriert, fällt z.B. mal wieder auf, was für ein unglaublich guter Drummer Matte Modin ist, wie er mit seinen unfassbar schnellen und präzisen Blastbeats die Band nach vorne treibt! Immer wieder gut, die Jungs.


… und schon steht zum Abschluss der krönende Headliner DARK TRANQUILLITY auf der Bühne. Ich habe Soen ja frühzeitig zum Tagessieger erklärt und würde hierbei DT mal ein wenig außen vor lassen, denn auch heute zeigt wieder: die spielen irgendwie in einer anderen Liga wie viele Kollegen. Die Band sieht nach vielen Personalwechseln der letzten Jahre stark verändert aus, die Rhythmusgruppe ist neu und auch Chris Amott ist frisch ausgestiegen und mit Johan nur eine Gitarre am Start heute. Das paradoxe: zumindest für das Liveerlebnis ist das alles völlig irrelevant, auch die neue Besetzung bringt den emotionalen Melo-Death in Perfektion auf die Bühne, unterstützt von einer tollen Light- und Videoshow, einer spannenden Setlist mit ein, zwei Überraschungen (gerne auch mal wieder etwas tiefer in die Kiste greifen!) und natürlich angeführt von einem der nettesten Frontmänner der Szene: solange Mikael Stanne da dabei ist, wird das live eine Lehrstunde in Sachen anspruchsvolles Metal-Entertainment bleiben. Wir sind gespannt, was die vor Ort angekündigte neue Platte bringen wird, wo doch auch neue Songwriter dabei sind.


Zum Abschluss geht dann die gesamte Crew auf die Bühne, der sichtlich geführte Veranstalter bedankt sich (kriegt kaum ein Wort raus), wir lassen uns das Restguthaben der Getränkebons auszahlen und werfen den gesamten Restbetrag in das Spenden-Schwein für das Team: haben sie absolut verdient und muss supportet werden. Warum? Klar:
Baden in Blut = tollstes kleines Festival Deutschlands.
Weil am Rhein, wir sehen uns am 19.07.2024!
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... und "All Things The Wildhearts"...
